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Interview mit Julio Mendívil

Zu seinem Institutseinstand hat Julio Mendívil, der neu berufene Professor für Ethnomusikologie, ein kurzes Interview gegeben. Er gibt darin Einblick in seine Interessensschwerpunkte und Prägungen.

Welchen Eindruck haben Sie bisher vom Institutsleben?

Schon vor meiner Ankunft – und das war ein Grund für die Entscheidung, hierherzukommen – habe ich das Institut als sehr jung und dynamisch wahrgenommen. Und das hat sich bestätigt, seit ich Teil dieses Institutslebens geworden bin. Ich mag es, dass gewisse Traditionen wahrnehmbar sind, aber ich sehe hier zugleich eine junge Musikwissenschaft, die neue Wege sucht. Das finde ich sehr anregend.

Wie sind Sie persönlich zur Ethnomusikologie gekommen und was begeistert Sie an Ihrem Fach?

Das hat mit meiner Sozialisation zu tun: Ich komme aus einer sehr westlich orientierten Familie in Lima. Dort bin ich mit Rockmusik und Klassik aufgewachsen. Meine Schwester spielt Klavier, mein Bruder spielt Geige; so habe ich das gesamte klassische Repertoire kennengelernt. Aber irgendwann habe ich gedacht: Ich bin doch Peruaner. Da habe ich begonnen, mich für peruanische Musik zu interessieren, vor allem für die Musik aus den Anden. Ich habe das Bedürfnis gehabt, diese Musik zu verstehen, die ganz anders funktioniert als alle andere Musik, die ich kannte. Daraufhin habe ich angefangen, mich einzulesen. Und das erste, was ich gefunden habe, waren natürlich ethnomusikologische Texte. Das hat mich sofort fasziniert, und ich wusste: Das ist es, was ich machen will. Was mich vor allem begeistert, ist der kritische Blick, den EthnomusikologInnen auf Diskriminierungserfahrungen werfen. Es ist dieser politische Aspekt des Faches, der mich immer besonders angezogen hat.

Welche Forschungsprojekte möchten Sie in den ersten Monaten in Angriff nehmen?

Ich möchte gerne ein Projekt über die Geschichte des Faches aufnehmen. Die Geschichte der Ethnomusikologie, besonders während des Zweiten Weltkrieges, ist wenig untersucht werden. Auch über die Ethnomusikologie im Sozialismus ist wenig geforscht worden. Dies möchte ich mit meinen MitarbeiterInnen gerne bearbeiten. Außerdem stelle ich gerade ein Buch über die Musik der Inka fertig. Darin geht es auch um die Verbindung zwischen Geschichtsschreibung und Ethnomusikologie. Denn es ist nicht einfach, eine Geschichte zu schreiben, wenn wenig historiographische Quellen existieren.

Wenn die Studierenden eines aus Ihren Lehrveranstaltungen mitnehmen sollen, was wäre das?

Natürlich sollen sie Wissen erlangen. Aber darüber hinaus versuche ich immer auch, eine ethische Haltung zu vermitteln. Neben dem Wissen über Musik und Kultur sollen die Studierenden auch eine kritische Einstellung gewinnen – das ist mir sehr wichtig.

In welchen Zusammenhängen könnten Sie sich mehr Zusammenarbeit mit den anderen Disziplinen (also Historischer und Systematischer Musikwissenschaft) vorstellen?

Mit der Historischen Musikwissenschaft arbeite ich ohnehin schon zusammen, denn ich verwende sehr stark historische Methoden. Dadurch, dass Lateinamerika von den Spaniern besetzt wurde, ist es nicht möglich, die dortige Musik zu erklären, ohne einen historischen Blick darauf zu werfen, was in Europa passiert ist. Daher habe ich immer eine großes Interesse an Renaissancemusik gehabt, denn die ist für Lateinamerika sehr relevant. Es gibt dort eine starke Verbindung zwischen lebendigen Kulturen und alten Traditionen aus Europa. Ich sehe also viele Möglichkeiten, mit der Historischen Musikwissenschaft zusammenzuarbeiten. Was die Systematik angeht, habe ich bereits Gespräche mit Christoph Reuter geführt, der gerne auch in Richtung außereuropäischer Musik forschen möchte. Auch da sehe ich großes Potenzial. Gerade in Bezug auf empirische Forschung könnte man viele Brücken schlagen.

Eine augenzwinkernde Frage zum Schluss, weil da immer noch unterschiedlichste Varianten im Umlauf sind: Auf welcher Silbe betont man Ihren Nachnamen?

Das ist eine sehr wichtige Frage, denn dazu kann ich direkt zwei Sachen sagen: Mendívil wird auf dem ersten „i“ betont; deswegen steht dort ein Akzent. Außerdem gibt es im Spanischen keinen Unterschied zwischen „v“ und b“. Das bedeutet, ich heiße „Mendíbil“. Das Spanische ist die einzige romanische Sprache, die diese Unterscheidung nicht macht. Das hat auch gute Seiten. So ist zum Beispiel „vivir“ dasselbe wie „beber“, Leben ist also Trinken auf Spanisch (lacht).

Wieder etwas gelernt – wir danken für das Gespräch!

Das Interview führten Isabella Czedik-Eysenberg und Benedikt Leßmann.

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