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Interview mit Scott L. Edwards

Der gebürtige US-Amerikaner Dr. Scott L. Edwards trat am 1. Juni 2015 seine dreijährige Stelle als Post-Doc-Mitarbeiter im FWF-Projekt Ludwig Senfl: Sämtliche Werke (New Senfl Edition) I: Die Motetten für 4 und 5 Stimmen an. Um den neuen Kollegen ein wenig näher kennen zu lernen, haben wir ein kurzes Interview mit Scott Edwards geführt.

 

Herr Edwards, schön, dass Sie den ‚Sprung über den großen Teich‘ gewagt haben und sich entschieden haben, am Wiener Institut zu arbeiten. Was waren Ihre wissenschaftlichen Stationen, bevor es Sie nach Wien verschlagen hat?

Meinen Bachelor habe ich am Bard College in Upstate New York gemacht mit einem Schwerpunkt zur Musik des 20. Jahrhunderts und Improvisation. Für den Master und das Doktorat bin ich anschließend an die University of California, Berkeley, gegangen, wo ich meine Dissertation mit dem Thema Secular music in the Czech Crown Lands at the turn of the seventeenth century bei Prof. Kate van Orden 2012 abgeschlossen habe. Danach war ich College Fellow an der Harvard University. Diese Stelle entspricht einer PostDoc-Anstellung in Österreich, bei welcher besonderer Wert auf das Unterrichten gelegt wird. Nachdem ich bereits während der Zeit in Berkeley jedes Semester einen Kurs zu verschiedenen Themen angeboten hatte, unterrichtete ich in Harvard sowohl Studierende, die Musik als Hauptfach gewählt haben, als auch Kurse für Studierende anderer Studienrichtungen. In Harvard habe ich unter anderem Kurse über Musikgeschichtsschreibung des 16. Jahrhunderts, Komödien vom 16.–18. Jahrhundert, Musikgeschichte vom Mittelalter bis heute, aber auch ein Seminar zur Rockmusik unterrichtet.

 

Nachdem Sie verschiedene Universitäten in den USA kennengelernt haben: Wie unterscheidet sich die Arbeit und (Ihren bisherigen Einblicken nach) die Lehre am Wiener Institut von Ihren Erfahrungen in den USA?

Es gibt in den USA einen großen Unterschied zwischen öffentlichen Universitäten wie Berkeley und privaten Institutionen wie Harvard. An den öffentlichen Universitäten hat man eine Verantwortung der Öffentlichkeit gegenüber. Daher kommt der Lehre ein hoher Stellenwert zu und die Repräsentation in der Öffentlichkeit ist sehr wichtig. Außerdem besteht die Verpflichtung, sich positiv in die allgemeine Lebenswelt einzubringen. In Berkeley sind die Studierenden häufig einfach neugierig und eine flexible Arbeitsatmosphäre gibt ihnen die Möglichkeit, auch Unbekanntes zu entdecken. Im Gegensatz dazu ist Harvard in sich eher geschlossen und so hatte ich das Gefühl, dass es wie eine Insel ist, die eigentlich nicht in Interaktion mit der sie umgebenden Gesellschaft tritt. Die Studierenden haben einen sehr vollen Stundenplan, nicht nur durch Lehrveranstaltungen, sondern auch durch extracurriculare Aktivitäten und so bleibt ihnen natürlich weniger Zeit z.B. für Ihre Seminararbeiten. Die Exklusivität äußert sich aber natürlich auch in der Arbeitseinstellung, wodurch man sehr fokussiert und konzentriert arbeiten kann. Als Dozent in Harvard hatte ich große Freiheiten, jedoch – im Gegensatz zu Berkeley – wenig Kontakt zu den KollegInnen. Daher freue ich mich sehr, nun wieder in einem sehr geselligen und diskussionsfreudigem Umfeld hier in Wien zu arbeiten; sowohl am Institut als auch im Projekt.

 

Ja, kommen wir auf das FWF-Projekt zu sprechen – Ludwig Senfl: Sämtliche Werke (New Senfl Edition) I: Die Motetten für 4 und 5 Stimmen. Was sind Ihre Aufgaben in diesem Projekt?

Wir – Stefan Gasch, Sonja Tröster und ich – arbeiten als Team an der Gesamtausgabe Ludwig Senfls. Die Hauptaufgabe ist das Schreiben der Noten im Notensatzprogramm Sibelius, der Vergleich der verschiedenen Quellen und das Erstellen eines kritischen Berichts für jedes Werk. Jeder im Projekt hat mehr oder minder seine oder ihre Stücke, die er oder sie ediert, aber wir haben ein System in dem alle die Arbeiten der anderen überprüfen und Vorschläge einbringen. Außerdem gibt es viele allgemeine Fragen zur Edition, welche uns in diesem Arbeitsprozess auffallen und so haben wir wöchentliche Besprechungen, um diese Fragen zu klären. Es gibt also nichts, woran ich exklusiv in dem Projekt arbeite, sondern in allen Bereichen wird auf Zusammenarbeit gesetzt.

 

Sie beschäftigen sich mit der Musik der Renaissance. Woher kommt Ihr Interesse für die Alte Musik?

Ich bin während meines BA-Studiums auf Athanasius Kircher und seine Bücher, z.B.  seine Musurgia universalis, gestoßen. In Los Angeles hatte ich dann auch die Gelegenheit, eine Ausstellung über Athanasius Kircher im Museum of Jurassic Technology zu betreuen (http://www.mjt.org/exhibits/kircher.html). Hier war zunächst gar nicht in erster Linie die Musik der Zeit, sondern vielmehr das Medium, die alten Bücher, das, was mich fasziniert hat und mich als Musikwissenschaftler dann auch zur Musik der Zeit führte.

 

Was sind Ihre Forschungsschwerpunkte und unterscheiden sich diese von Ihren privaten musikalischen Interessen?

Während ich an meiner Dissertation gearbeitet habe, hat mich besonders die Frage fasziniert, wie Musik in solch einer vielsprachigen Umgebung wie dem böhmischen Königreich zu dieser Zeit auch ein solch mehrsprachiges Phänomen sein konnte. In dieser Zeit wurde die Hofhaltung von Wien nach Prag verlegt und anschließend wieder zurück nach Wien und diese Veränderungen wurden begleitet von starker Einwanderung und einer extremen Veränderung in der Einwohnerzahl. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts unterlag beispielsweise die Bevölkerungszahl Wiens massiven Veränderungen aufgrund der Pest und den Angriffen des Osmanischen Reichs. In Prag wiederum verdreifachte sich die Einwohnerzahl bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. Die neue Kaiserstadt war ein Magnet für Menschen aus ganz Europa und darüber hinaus. Ein Ziel meiner Forschung ist es zu verstehen, wie Quellen der frühen Neuzeit diese sozialen Umbrüche widerspiegeln. Heutzutage ist es aber schwierig, eine Vorstellung von dieser Diversität zu erhalten, da diese Musik leider so wenig aufgeführt wird. Mein Musikgeschmack abseits der professionellen Beschäftigung ist sehr weit gestreut. Aber wenn ich da konkret werden muss, würde ich die Musik des 17. und 18. Jahrhunderts wie auch die Popularmusik des 20. Jahrhunderts als ‚Schwerpunkte‘ nennen.

 

Das Projekt hier am Institut läuft nun erst einmal für drei Jahre. Wie sehen Ihre Pläne für Wien aus? Gibt es bestimmte Dinge, die Sie in dieser Zeit machen möchten?

Natürlich ist mein allererstes Ziel, die Neue Senfl Ausgabe voranzutreiben. Im Moment edieren wir Senfls vierstimmige Motetten und planen in den nächsten zwei Jahren insgesamt drei Bände mit seinen zwei-, drei-, vier- und fünfstimmigen Motetten zu veröffentlichen. Besonders interessant ist daran, dass die Motette dieser Zeit den Komponisten Platz zum Experimentieren bot. Sie konnten viele ihrer kompositorischen Fähigkeiten zeigen und da die Funktion der Motetten nicht festgelegt war, bekommt man einen Einblick, wie sich in einer Zeit, in der die religiöse Praxis immer wieder stark hinterfragt wurde, bestimmte musikalische Prioritäten verschoben haben. Ansonsten möchte ich mich auch ganz der wissenschaftlichen Arbeit widmen und möglichst viele Vorträge halten und Aufsätze publizieren. Es gibt viele Teile meiner Dissertation, welche noch genauer beleuchtet werden können und sollten. Das Unterrichten ist nun nicht mehr mein Hauptfokus, da ich in den letzten Jahren sehr viel Zeit in das Unterrichten investiert habe und nun die wissenschaftliche Arbeit im Vordergrund stehen soll – ich habe aber immer sehr gerne unterrichtet. Ich freue mich auch darauf, im kommenden Wintersemester doch eine Übung mit meiner Kollegin Sonja Tröster genau zu unserem Projektthema, der Edition älterer Musik, anzubieten. Auf diese Weise kann ich die österreichischen Studierenden näher kennenlernen und mich noch aus einer anderen Perspektive unserem Projektthema nähern. Neben der Arbeit werde ich natürlich versuchen, im größtmöglichen Maße das vielfältige Angebot in Wien zu nutzen und außerdem mein Deutsch ganz aktiv und möglichst schnell zu verbessern.

 

Zum Abschluss die Standardfrage für Musikwissenschaftler: Spielen Sie ein Instrument?

Als Kind habe ich angefangen Klavier und Bratsche zu spielen. Während meines Bachelor-Studiums in New York war ich zwei Jahre lang Organist in einer Kirche. Als ich dann nach Los Angeles ging, wurde es etwas unkonventioneller und ich habe in einer Radiosendung auf Keyboard, Akkordeon und Bratsche improvisiert. Mir wurde sogar angeboten, das wieder zu tun, da es nun auch über Skype möglich ist, aber ich möchte mich im Moment erst einmal auf meine Verpflichtungen in Wien konzentrieren. Ansonsten habe ich während meiner Zeit in Tschechien noch in einem Chor gesungen. Aktuell mache ich leider selbst sehr wenig Musik, aber ich würde gerne wieder intensiver Viola da gamba spielen, womit ich bereits in Harvard angefangen habe.

Herzlichen Dank für das Gespräch, viel Spaß beim Gambe üben und alles Gute für Ihre Zeit im Projekt und darüber hinaus!

(Gespräch mit Imke Oldewurtel am 22. September 2015)

 

< zur Personalseite von Scott L. Edwards

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