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Vortrag: And never the twain shall meet? Musikhistoriographie in Japan

(Stefan MENZEL, Weimar)

Seit fast anderthalb Jahrhunderten ist das japanische Musikleben geprägt vom Neben-, Mit- und Durcheinander westlicher und einheimischer Traditionen. Schon während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war insbesondere die Tokioter Musikszene ein Kaleidoskop verschiedener Musikstile:
Neben Militärmusik, Singvereinen, kommerziellen Blaskapellen, Operetten- und Revuetheatern, Sinfoniekonzerten und Opernaufführungen florierten traditionelle Genres wie das japanische Musiktheater (kabuki, bunraku), von einstiger ‚Haus‘- zu moderner ‚Konzertmusik‘ avancierte koto-Musik (sōkyoku, sankyoku), aber auch völlig neue Erscheinungen wie der sozialkritische naniwa-bushi oder konzertante shamisen-Musik (shamisen-shusōgaku). Dieser mit Händen greifbaren Vielfalt steht eine erstaunliche Schlichtheit der Musikgeschichtsschreibung gegenüber, der zufolge es in Japan im eigentlichen Sinne nur zwei Formen von Musik gibt: japanische (hōgaku) und westliche (yōgaku). Mit dieser Vorstellung einher
geht eine gewisse Fixierung der Erzählperspektive, so würdigen Standardwerke zur Geschichte von yōgaku hōgaku nur marginal und größtenteils nur dort, wo sie Schnittstellen zu yōgaku aufweist.
Auf der anderen Seite ist die Darstellung von hōgaku seit dem späten 19. Jahrhundert bestenfalls lückenhaft zu nennen. Man gewinnt den Eindruck, die Geschichte von hōgaku habe sich im Wesentlichen vor 1850 ereignet und sei während der letzten 150 Jahre vom steten Verlust einstiger Vollkommenheit gekennzeichnet. Ferner fällt auf, dass Darstellungen von yō- und hōgaku sich in
erster Linie auf elitäre Musik, z.B. die Nachkriegsavantgarde um Takemitsu Tōru oder die kaiserliche Hofmusik (gagaku) konzentrieren, während man westliche Unterhaltungs- und indigene Kult- und Festmusik weitgehend ausklammert. Auf der Suche nach den Ursachen jener ‚Verzerrungen‘ im musikalischen Geschichtsbild Japans stößt man zu seiner Überraschung nicht nur auf den altbekannten ‚Staatsfeind Nr. 1‘, das westlich-bürgerliche Exzellenzparadigma, sondern
findet es innig umschlungen mit einem ‚entfernten konfuzianischen Verwandten‘: der ästhetischen Dichotomie von ga und zoku. In diesem Vortrag sollen exemplarisch einige Ausschnitte der Geschichtsbilder von yōgaku und hōgaku dekonstruiert werden, um zu zeigen, wie gerade die unterschiedlichen Nuancen der beiden sie bestimmenden Paradigmen ihnen ihre genuine Gestalt
verliehen haben, während in einem zweiten Schritt anhand des Phänomens der ‚neuen japanischen Musik‘ (shin-nihon-ongaku) gezeigt werden soll, dass man auch nach der Aufhebung der in beiden Geschichtsbildern gezogenen Grenzen noch über Musik sprechen und folglich Musikgeschichte schreiben kann.

Institut für Musikwissenschaft
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