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Vortrag: "A Dialectical Approacht to Music History" Revisited Oder: Wer hat Bewegungsbedarf?


(Malik SHARIF, Graz)

 

In seinem Artikel „A Dialectical Approach to Music History“ (1958) macht Gilbert Chase einige interessante Bemerkungen zur Musikhistoriographie: Musik ist von Menschen gemacht und wird von ihnen erlebt und genutzt. Musik ist daher immer Teil des gesamten kulturellen Lebens einer Gesellschaft. In einer Gesellschaft gibt es nicht nur eine, sondern mehrere, mehr oder weniger distinkte Musiken. Musikgeschichte soll keine Werkgeschichte sein, sondern eine Geschichte der menschlichen musikalischen Praxis und zwar in ihrer Gesamtheit, nicht
nur die der europäischen Kunsttradition. Der Musikhistoriker Chase gibt zu, dass er sich einige Jahre zuvor mit diesen Ansichten eher in der zeitgenössischen Ethnomusikologie zu Hause gefühlt hatte, schlägt 1958 aber ein Forschungsprogramm vor, das den Forschungsbereich Musikgeschichte temporal komplementär zwischen Historischer Musikwissenschaft und Ethnomusikologie entsprechend der jeweiligen methodologischen Orientierung aufteilt: Historische Musikwissenschaft befasst sich mit der Musik der verstorbenen Menschen, Ethnomusikologie mit jener der lebenden, jeweils ohne geographische oder soziale Einschränkung. Chases Ideen scheinen an Aktualität kaum eingebüßt zu haben, kann man sie doch als eine Antwort auf die im Call for Papers aufgeworfene Frage nach einer globalen Musikhistoriographie interpretieren. Mit Blick auf den Call for Papers stellen sich mir jedoch einige neue Fragen, denen ich ausgehend von Chases Überlegungen nachgehen möchte. Dort ist nämlich die Rede von einer „Doppelbewegung zwischen einer Historischen Musikwissenschaft, die ethnologische Überlegungen aufnimmt, und einer Ethnomusikologie, die sich historischen Argumentationen öffnet“, und diese Doppelbewegung sei ein erster
Schritt zu einer globalen Musikhistoriographie. Die Frage ist aber, ob aktuell tatsächlich eine Doppelbewegung von Nöten ist. Ich werde argumentieren, dass (1) die Ethnomusikologie, selbst in ihren Anfängen vor über 100 Jahren, selten ernsthaft die Historizität außereuropäischer Musikkulturen bezweifelt hat; dass (2) seit Jahrzehnten EthnomusikologInnen zu historischen Themen arbeiten, die von Historischen MusikwissenschaftlerInnen ignoriert werden, und historische Abschnitte in musikalischen Ethnografien längst üblicher Bestandteil sind; dass (3) die Ethnomusikologie mehr und mehr den selbstgestellten Anspruch erfüllt, alle Musiken zu erforschen, inklusive der „westlichen“ Kunstmusik; dass (4) die Historische Musikwissenschaft zwar seit den 80er Jahren zunehmend klassische ethnomusikologische Themen aufgreift („Musik als kulturelles/soziales Handeln“, Performativitätsforschung etc.), vorhandene ethnomusikologische Theorien aber,
bis auf wenige Ausnahmen, ignoriert werden und der Gegenstandsbereich sich immer noch mehrheitlich auf den traditionellen Kanon konzentriert. Wenn also Bewegung von Nöten ist, dann auf Seiten der Historischen Musikwissenschaft. Die Ethnomusikologie ist längst in Fahrt. Provokant gesprochen: Ethnomusikologie ist heutzutage die Leitwissenschaft musikwissenschaftlicher Forschung.

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