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Keynote-Lecture: Zwischen Empirie und Theorie: Musikgeschichtsschreibung aus Sicht eines Systematikers


(Jan HEMMING, Kassel)

 

 

Das Arbeitsspektrum eines Systematikers lässt sich auf der Spanne zwischen Empirie und Theorie verorten (Auhagen, Busch, & Hemming 2011). Anhand folgender Beispiele wird diese Denkweise auf Musikgeschichtsschreibung angewandt:

Kolportage und Reiteration: Wird etwas wahr, wenn es nur oft genug behauptet wird?

Das Beispiel hierfür ist die Frage, ob Berlioz selbst Opium konsumierte (Berlioz & Rosenberg [1870] 1979; Blaukopf 1959).

"Empirisch belastbare Tatsachen": Historiometrie und Positivismusvorwurf
Was leistet eine statistische Auswertung von Clara Schumanns Konzertprogrammsammlung? (Kopiez, Lehmann, & Klassen 2009)

Alternativen zum Organismusmodell: Nicht alles entwickelt sich organisch aus etwas anderem heraus
Am Beispiel der Techno-Musik wird aufgezeigt, dass die Idee einer mehrfachen Parallelschöpfung hier bessere Erklärungen liefert als Modelle organischer Entwicklung an konkreten geographischen Orten (eigene Forschung).

Geschichte und Vergleich: Was lässt sich aus strukturellen Parallelen ungleichzeitiger Entwicklungen ableiten?
Beispiel hierfür ist die Frage, ob man am Ende des 18. Jahrhunderts von einer populären Musikkultur sprechen sollte (Siegrist 2003; Zaunstöck 2007).

Auch Klio klittert: Über die systematischen Grenzen der Hermeneutik
Beispiel hierfür wird ein Spezifikum der Geschichte deutscher Beiträge zum Eurovision Song Contest sein (eigene Forschung).

Referenzen:
Auhagen, Wolfgang; Busch, Veronika & Hemming, Jan (Hrsg.) (2011): Systematische Musikwissenschaft. Laaber: Laaber (= Kompendien Musik; 9).
Berlioz, Hector & Rosenberg, Wolf ([1870] 1979): Memoiren. München: Rogner und Bernhard Blaukopf, Kurt (1959): Symphonie fantastique Hector Berlioz: Leben, Liebe und Melodien eines romantischen Genies. Teufen: Niggli
Kopiez, Reinhard; Lehmann, Andreas C. & Klassen, Janina (2009): Clara Schumann's collection of program leaflets: A historiometric analysis of life-span development, mobility, and repertoire canonization. Poetics, 37 (1), S. 50-73.
Siegrist, Hannes (2003): Perspektiven der vergleichenden Geschichtswissenschaft. Gesellschaft, Kultur und Raum. In: Kaelble, Hartmut & Schriewer, Jürgen (Hrsg.): Vergleich und Transfer. Komparatistik in den Sozial-, Geschichts- und Kulturwissenschaften (S. 305-339). Fankfurt a.M.: Campus.
Zaunstöck, Holger (2007): Populäre Musikkultur in 18. Jahrhundert? Die Genese popkultureller Praxis im Spannungsfeld von Aufklärung und Stadtraum. In: Böning, Holger, Kutsch, Arnulf & Stöber, Rudolf (Hrsg.): Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte (S. 130-149). Stuttgart: Franz Steiner.

 

Biographische Notiz:

Jan Hemming studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Physik in Frankfurt am Main und an der TU Berlin. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Bremen von 1997-2000. Danach Assistent für Systematische Musikwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seit 2005 Professor für Systematische Musikwissenschaft an der Universität Kassel. Publikationen zu den Themenbereichen Musikpsychologie und -soziologie, Popmusikforschung, Medien und Technik, Cultural und Gender Studies, Methoden und zur fachpolitischen Ausrichtung der Musikwissenschaft.

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