Musik und Psychoanalyse (ca. 1910–1970)

FWF Einzelprojekte
Grant-DOI:10.55776/P36888

 

Leitung: PD Mag. DDr. Andrea Korenjak, Bakk.  

Mitarbeit: Erik Karim Andresen, BSc.

Projektlaufzeit: 2023-2027

 

Mit ihrem Begründer Sigmund Freud (1856–1939) und seinen frühen Mitstreitern hat sich die Psychoanalyse von Anfang an mit Dichtung und Kunst beschäftigt, um sowohl in den Werken als auch in den Kunstschaffenden das „Unbewusste“ aufzuspüren. Als Ausgangspunkt für eine psychoanalytische „Kunsttheorie“ gilt der Traum bzw. Freuds einflussreiches Werk „Die Traumdeutung“ (1900). Für die Musik lässt Freud jedoch zeitlebens ein ebensolches Interesse vermissen. Dennoch haben nicht wenige seiner Anhänger:innen – darunter Max Graf (1873–1958) und Frieda Teller (1889–1942) – bereits früh versucht, die Musik auf Basis psychoanalytischer Theorien zu ergründen.

Die Facetten der psychoanalytischen Deutung gestalten sich bis heute äußerst vielfältig: Die Musik erscheint u. a. als sublimierte Triebenergie des:der Musikschaffenden, als eine dunkle bedrohliche Kraft („Es“), die es mittels der Ratio („Ich“, „Über-Ich“) zu bezähmen gilt, als Komposition, unter dessen Regeln („Über-Ich“) sich das „Ich“ unterwirft und dabei Genuss empfindet, als Medium des Gefühls einer lustvollen Auflösung der Ich-Grenzen („Regression im Dienste des Ich“), als Reminiszenz eines prä- bzw. non-verbalen Dialogs etc. 

Das Projekt vermittelt einen diskuskritischen Einblick in Grundpfeiler und Kernbegriffe der Psychoanalyse, die weit über Freuds „Drei-Instanzen-Modell“ der Psyche hinausgehen und für das Verständnis der musikbezogenen psychoanalytischen Literatur von Bedeutung sind. Zudem werden das kulturelle und musikalische Umfeld sowie die Bruchstellen während der NS-Zeit (Vertreibung, Verfolgung und Ermordung jüdischer Psychoanalytiker, darunter Studierende der Universität Wien) eingehend beleuchtet und deren Auswirkungen bis in die Gegenwart aufgezeigt.

Publikation:

Korenjak, Andrea (2025, peer-reviewed): Musik in der Wiener Medizin, Psychiatrie und Psychoanalyse (ca. 1800–1910). In: Ingrid Kästner, Regine Pfrepper, Peter Scharff (Hg.): Medizin in Philosophie, Geschichte und Kultur. Europäische Wissenschaftsbeziehungen, Bd. 23. Düren: Shaker Verlag, S. 285–308.