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Erfahrungsberichte von Studierenden
Clara Bender vor der Harper Memorial Library in Chicago (Foto: privat)

Clara Bender (BA-Studentin der Musikwissenschaft) absolvierte im Wintersemester 2017/18 einen Studienaufenthalt an der University of Chicago (UoC). Gefördert wurde sie dabei im Non-EU Student Exchange Program der Universität Wien. Aus den USA zurückgekehrt, gab Sie ein ausführliches Interview:

Wie sind Sie auf die Idee gekommen an der UoC zu studieren?
Ich habe bereits vor Beginn meines Bachelors in Wien beschlossen, während meines Studiums ein Auslandssemester zu absolvieren. Es kam für mich nur eine englischsprachige Universität in Frage, und da mich keines der Erasmus-Ziele wirklich angesprochen hat, habe ich mich für den Non-EU-Student Exchange entschieden. Meine Erstwahl war ursprünglich die Concordia University in Montréal. Da ich mit der UoC jedoch an eine der Top-Unis in den USA gekommen bin, konnte ich die anfängliche Enttäuschung, nicht für Kanada nominiert worden zu sein, recht schnell verkraften.

Wie hoch muss man sich die Kosten für einen solchen Studienaufenthalt vorstellen, und wie haben Sie das Studium in den USA finanziert?
Die Kosten sind definitiv um einiges höher als hier in Wien. Ohne das Austauschprogramm, durch das mir zumindest die Studiengebühren erspart blieben (diese hätten sich für zwei Trimester auf etwa $35.000 belaufen), hätte ich mir den Aufenthalt nicht leisten können. Neben dem monatlichen Stipendium der Uni Wien (500€) und der Unterstützung, die ich regulär von meinen Eltern erhalte, habe ich von meinem eigenen Ersparten und dem im Sommer vor meiner Abreise verdienten Geld gelebt.

Wann haben Sie mit Ihren Vorbereitungen für diesen Auslandsaufenthalt begonnen, und was gilt es dabei evtl. besonders zu beachten?
Die Vorbereitungen haben etwa ein Jahr vor der Abreise begonnen, also im Herbst 2016. Ich würde empfehlen, zwei bis drei Monate vor der Bewerbungsfrist mit der Dokumentenbeschaffung zu beginnen und besonders für den erforderlichen Sprachtest (TOEFL oder IELTS) genug Zeit einzuplanen. Die wirkliche Planung (Wohnungssuche, Visum, Versicherung etc.) begann dann erst im Frühjahr 2017, nachdem ich die Zusage aus Chicago erhalten hatte.

Wie war Ihr persönliches Studienumfeld in Chicago?
Vor Beginn des Aufenthalts gab es zwar eine WhatsApp-Gruppe mit den anderen Nominierten aus Wien (insgesamt neun StudentInnen), persönlich kannte ich allerdings niemanden. Ich hatte glücklicherweise bereits Monate zuvor ein Zimmer in einer WG mit anderen Studenten der UoC über Facebook gefunden. Die Sorge, keinen Anschluss zu finden, hat sich schnell als vollkommen unbegründet erwiesen, und ich war bald Teil eines großen Freundeskreises, der den Uni-Stress um einiges erträglicher gemacht hat. Die Betreuung in Chicago fand hauptsächlich durch das International Office der Universität statt, welches besonders zu Beginn Aktivitäten für uns internationale Studierende organisierte. Generell habe ich jedoch in so gut wie jedem meiner Professoren eine Art Mentor gefunden und mich sehr gut aufgehoben gefühlt.

Welche Kurse haben Sie in welchem Format belegt, und gab es dabei Unterschiede zu Ihrer vorherigen Studienerfahrung in Wien?
Ich habe pro Trimester drei Kurse belegt, deren Format von Lecture über Seminar bis Workshop variierte und mit einer Maximalanzahl von 12 Studierenden sehr klein war. Alle Kurse waren sehr interaktiv gestaltet, und konstante Mitarbeit wurde von allen Professoren erwartet. Obwohl ich mit Herausforderungen gerechnet hatte, war der Arbeitsaufwand zu Beginn überwältigend; besonders im ersten Quarter bin ich oft an meine Grenzen gestoßen. Alle Kurse fanden zwei Mal wöchentlich statt, es gab so gut wie immer benotete Hausaufgaben und Texte, die für jede Einheit gelesen werden sollten (wöchentlich mindestens 50 Seiten pro Kurs). Dazu kamen außerdem Zwischen- und Abschlussprüfungen, welche teilweise noch von einem „final project“ (vergleichbar mit einer Seminararbeit) ergänzt wurden. Trotz anfänglicher Überforderung bin ich doch überraschend gut mit allem klargekommen. Man lernt schnell, sich seine Zeit so gut wie möglich einzuteilen und effektiv zu arbeiten. Ich habe definitiv gelernt, besser mit Stress umzugehen und trotz andauerndem Schlafentzug zu „funktionieren“.

Bitte beschreiben Sie doch einmal einen „ganz gewöhnlichen Tag“ (so existent) von Ihnen an der UoC.
Ein „gewöhnlicher“ Tag in Chicago begann meist mit einem Kurs am Vormittag, für den ich nicht selten noch am Morgen ein paar letzte Seiten lesen oder einen Essay fertig schreiben musste. Je nachdem, ob ich noch einen zweiten Kurs hatte, ging es nach dem Mittagessen entweder in den Unterricht oder gleich in die Bibliothek, um zu lernen oder Hausaufgaben zu machen. Wenn nicht zu viel Arbeit anstand, bin ich im Laufe des Tages noch mit Freunden in eines der Fitnessstudios auf dem Campus gegangen. Gegen Abend hatte ich oft Chorprobe oder habe einen der Überäume zum Klavierspielen genutzt. Von der Bibliothek ging es dann normalerweise zwischen 22:00 und 00:00 Uhr nach Hause oder zur Entspannung noch in einen der Studenten-Pubs.

Clara Bender und Mitbewohnerin Gouthami vor der Skulptur Cloud Gate 
im Millennium Park (Foto: privat)

Studiensysteme im Vergleich: Inwiefern unterscheiden sich Ihre Eindrücke an der UoC von Ihrer Studienerfahrung in Wien?
Den größten Unterschied im Studiensystem macht meiner Meinung nach das Trimester-System, da grob gesagt der Stoff eines Wiener Semesters in der Hälfte der Zeit behandelt wird. Trotz des anhaltenden Stresses, der kaum Verschnaufpausen erlaubt, habe ich es sehr genossen, ständig gefordert und beschäftigt zu sein. Hier in Wien liegt der Studienerfolg meiner Meinung nach sehr in der Hand der Studierenden, und oft ist viel Eigendisziplin notwendig, um vorwärts zu kommen. Die Aufmerksamkeit, die Professoren in Chicago den Studenten individuell zuteil werden lassen, übt zwar viel mehr (teilweise vielleicht zu viel) Druck aus, als dies hier der Fall ist, motiviert jedoch auch ungemein.

Von welchen Aspekten Ihres Aufenthalts in Chicago haben Sie besonders profitiert?
In vielerlei Hinsicht habe ich sowohl persönlich als auch fachlich profitiert. Ich bin mir sicher, sehr an den akademischen Herausforderungen gewachsen zu sein; auch die Erfahrung, alleine auf einem anderen Kontinent und noch dazu in einer Stadt wie Chicago zu (über)leben wird mir bestimmt noch sehr nützlich sein. Fachlich habe ich mich im musikalischen Bereich auf Musiktheorie und -analyse fokussiert und mir viel Wissen auf diesen Gebieten angeeignet. Außerdem hatte ich die Möglichkeit, zwei Regie-Kurse zu belegen, die wahnsinnig viel Spaß gemacht und mein schon lange bestehendes Interesse in diesem Bereich noch verstärkt haben.

In welcher Weise hat der Studienaufenthalt in Chicago Ihre Sicht auf die Musikwissenschaft beeinflusst?
Mir war von vornherein bewusst, dass sich mein Stundenplan in Chicago nicht vorrangig um den Fachbereich Musikwissenschaft drehen würde, da dieser als BA-Hauptfach dort gar nicht angeboten wird. Ich habe Kurse am Department of Music belegt, was wohl eher vergleichbar mit der mdw hier in Wien ist. Besonders gut gefallen haben mir meine beiden Analysekurse, die recht spezifische Gegenstände hatten – Analyse von Liedern aus dem 19. Jahrhundert und von Werken aus dem 20. Jahrhundert – und beispielsweise durch regelmäßige Kompositionsübungen sehr praktisch aufgebaut waren. Ich würde mehr Angebote hier in Wien im Bereich Musiktheorie und -analyse sehr befürworten.

Was könnte man, gemessen an Ihren alternativen Einblicken, hier in Europa/Wien ggf. sonst noch anders gestalten?
Generell habe ich das akademische Umfeld an der University of Chicago sehr genossen. Es liegt wohl auch an den immensen Studiengebühren, aber das Engagement meiner Mitstudenten – natürlich im Unterricht (so gut wie nie habe ich jemanden während der Stunde am Handy gesehen!), aber auch in diversen Organisationen und Vereinigungen – hat mich sehr beeindruckt und motiviert. Mehr Angebote durch die Uni Wien, um das Gemeinschaftsgefühl zu fördern und den Studierenden besseren Anschluss an ein fächerübergreifendes universitäres Netzwerk zu ermöglichen, könnten bestimmt nicht schaden.

Gibt es etwas, das Ihnen an der UoC nicht gefallen hat?
So sehr ich die akademischen Herausforderungen genossen habe, bin ich mir nicht sicher, ob ich den Stress und ständigen Druck vier Jahre lang durchhalten könnte. Die Studierenden, die teilweise bereits mit 17 Jahren an die UoC kommen, geben enorm viel für einen Abschluss von einer Top-Uni auf. Das inoffizielle Motto „Uchicago – Where the fun comes to die“ enthält auf jeden Fall einen wahren Kern. Ich habe auch persönlich miterlebt, wie einige Studenten Schwierigkeiten haben, mit den Anforderungen der Professoren und auch der Eltern, die oft einen Kredit für die Ausbildung ihrer Kinder aufnehmen müssen, umzugehen. Ich bin mir nicht sicher, ob allein der Abschluss die finanziellen Schulden, den Stress und den Verzicht auf Freizeit rechtfertigen kann.

Zurück in Wien – wie geht es jetzt weiter? Haben Sie schon Pläne, die Sie verraten möchten?
Ich werde jetzt erst einmal versuchen, so schnell wie möglich meinen Bachelor abzuschließen. Was danach kommt, ist im Moment noch sehr offen. Ich bin mir sicher, dass ich noch einen Master anschließen werde, wohl aber nicht im Fach Musikwissenschaft und auch nicht unbedingt in Wien/Europa. Darüber werde ich mir in nächster Zeit mal genauer Gedanken machen. Ich bin sehr gespannt, wo es mich hintreibt – das Auslandssemester hat mir definitiv das Gefühl vermittelt, dass einem doch irgendwo alle Türen offen stehen, wenn man nur will.

Haben Sie spezielle Tipps für KollegInnen, die sich ebenfalls für einen solchen Aufenthalt interessieren?
Ich würde allen Interessierten auf jeden Fall empfehlen: einfach machen. Ihr werdet es nicht bereuen. Und nicht vom organisatorischen Aufwand und eventuellen Hürden bei der Planung abschrecken lassen!

Schöne Aussichten: Clara Bender auf dem 360 Chicago Observation Deck
(Foto: privat) 

Das Interview führte Carolin Krahn | Stand: 26. April 2018

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