Klassische Kompositionsaufträge durch Benny Goodman: Künstlerische Strategien, Bezugnahmen und Kontroversen

FWF-Projekt J4281-G26 (Erwin-Schrödinger-Auslandsstipendium mit Rückkehrphase)
Leitung: Mag. Dr. Elisabeth Reisinger
Ausländische Forschungsstätte: Harvard University (2019/09–2020/06); Rückkehrphase an der Universität Wien (2020/08–2021/03)

 

Information in English

 

Der Klarinettist Benny Goodman (1909–1986) gilt als einer der führenden Jazz-Solisten des 20. Jahrhunderts. Weniger bekannt ist, dass er, nachdem er sich als Bandleader und „King of Swing“ etabliert hatte, in den 1930er-Jahren, auch klassischem Repertoire widmete, sowohl auf der Konzertbühne als auch durch Platteneinspielungen. 1938 erteilte er außerdem seinen ersten Kompositionsauftrag für ein klassisches Werk: Bela Bartók komponierte für Goodman und den Violinvirtuosen Joseph Szigeti das Stück Contrasts für Klarinette, Violine und Klavier. Zahlreiche ähnliche Projekte folgten, darunter Aufträge an Darius Milhaud, Paul Hindemith und Aaron Copland. Welche Gründe bewegten Goodman dazu? Nach welchen Maßstäben wählte er die Komponisten aus? Auf welche Weise wiederum reagierten diese auf die Vorstellungen und Fähigkeiten ihres Auftraggebers? Und wie wurden diese Stücke, insbesondere deren Aufführungen und Aufnahmen durch Goodman selbst schließlich von Publikum und Öffentlichkeit wahrgenommen?

Goodmans Aktivitäten als Auftraggeber neuer Kompositionen müssen wohl im Kontext seines Bemühens, sich als klassischer Musiker zu etablieren, verstanden werden. Aber auch ein „historisches Bewusstsein“ – sich selbst in die Musikgeschichte einzuschreiben – sollte mitbedacht werden. Auffallend sind die prominenten Namen unter den Komponisten. Offenbar wandte sich Goodman an Personen, die schon einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hatten. Dabei stellt sich weiter die Frage, wie auf der anderen Seite die Komponisten mit ihrem nicht weniger berühmten Auftraggeber, einem etablierten Jazz-Solisten, kompositorisch umgingen und wie dieser künftige Interpret, der sich außerdem jedes Mal für mehrere Jahre exklusive Aufführungsrechte sicherte, den Kompositionsprozess beeinflusst haben mag.

Ausgehend von vielfältigem Material (Korrespondenz, Kompositionsskizzen, Konzertkritiken, Tonaufnahmen) widmet sich dieses Projekt auf der einen Seite erstmals einem nahezu unbekannten Aspekt der Karriere eines außergewöhnlichen Künstlers sowie der Entstehung eines hochinteressanten Spektrums des Solo-Repertoires für Klarinette im 20. Jahrhundert. Auf der anderen Seite werden damit zudem erste Erkenntnisse zu Interpret*innen als Auftraggeber*innen und Sponsor*innen neuer Musik gewonnen und von der Forschung bisher unbehandelte Fragen nach den dahinter stehenden Voraussetzungen, Motivationen und Strategien, nach deren Selbstverständnis, sowie nach dem Austausch und den Beziehungen zwischen Kompinierenden und Aufführenden beleuchtet.

 

Bild: Benny Goodman und Leonard Bernstein bei einer Probe mit dem New York City Symphony Orchestra 1946 (William P. Gottlieb, gemeinfrei, Download Library of Congress: www.loc.gov/item/gottlieb.00731/)