Syrische Musikerinnen: Performance, Netzwerke, Zugehörigkeit

FWF-Projekt V706-G26 (Elise-Richter-Programm)
Projektlaufzeit: 2020–2023
Leitung: Mag. Dr. Anja Brunner

 


Das Projekt „Women Musicians from Syria: Performance, Networks, and Belonging/s after Migration“ erforscht Leben und Musik von fünf syrischen Musikerinnen, die seit dem Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges nach Österreich und Deutschland migriert sind und hier weiter ihrer musikalischen Tätigkeit nachgehen: Eine Violinistin spielt europäische und arabische Kunstmusik, eine Sängerin singt arabische Lieder, eine Singer-Songwriterin macht Covers von Pop/Rock/Hip-Hop-Songs, eine Singer-Songwriterin und Gitarristin macht arabische Eigenkompositionen, und eine Quanun-Spielerin präsentiert traditionelles Repertoire. Durch Interviews, teilnehmende Beobachtung, Dokumentation der Netzwerke, Ressourcen und Auftritte analysiere ich die Biografien und die (musikalischen) Aktivitäten der Musikerinnen. Das Projekt zeigt auf diese Weise, welche Zugehörigkeiten – auf emotionaler und institutioneller Ebene – im Leben und der Musik der Musikerinnen relevant sind und werden. Zugehörigkeit wird in diesem Projekt nicht als fixiert, sondern als prozesshaft und wandelbar verstanden. Zugehörigkeiten sind miteinander verflochten und beeinflussen sich gegenseitig. Ist es wichtiger Syrerin, Migrantin/Flüchtling, Frau zu sein, oder eher Muslimin, Musikerin, Künstlerin, oder Alawitin? Wie hängen diese Zugehörigkeiten voneinander ab? Wie verändern sie sich, speziell nach der Migration? Inwiefern beeinflusst die (mediale) Klassifikation als „Flüchtling“ und „Syrerin“ das Gefühl der (Nicht-)Zugehörigkeit? Und vor allem: Welche Zugehörigkeiten sind in Musik präsent und werden präsentiert? Wie werden diese Zugehörigkeiten aufgeführt und mit Musik kommuniziert, und wie verändert sich dies durch Migration?

Beginnend bei den individuellen Musikerinnen folge ich diesen entlang ihrer Netzwerke, Auftritte, und Biographien und zeige die Vielfalt möglicher Zugehörigkeiten und die Diversität unter den „SyrerInnen“. Speziell in musikalischen Performances und musikalischen Leben ist diese Vielfalt offensichtlich; sie reicht von Zugehörigkeiten zu musikalischen Netzwerken, Familien, religiösen Gemeinschaften, einer oder mehreren Nationen, bis zur zugeschriebenen Gruppe der „MigrantInnen“. Welche Zugehörigkeiten jeweils relevant werden, ist abhängig von anderen Zugehörigkeiten, dem Kontext, sowie der Motivation zur Präsentation von Zugehörigkeiten.

Dieses Projekt gibt Einblick in das musikalische Leben von Syrerinnen in Deutschland und Österreich und trägt so zur kontroversen öffentlichen Debatte über „Flüchtlinge“ und Integration bei. Es bereichert die Forschung zu Musik und Diaspora um theoretische Konzepte der Intersektionalität, Transnationalismus und „Belonging“. Meine Forschung ermöglicht mehr Verständnis für die Komplexität von Zugehörigkeit und Sein, auch innerhalb „unserer“ Gesellschaft, und stellt einer politischen Diskussion, die Menschen anderer Hautfarbe, Religion oder Herkunft fertige Identitäten zuschreibt, wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse entgegen.